16. Februar 2014

Streifzug durch den „Hohen Odenwald“

Über die Neuerfindung einer alten Landschaft 

Von Michael Hahl

„Landschaft ist der „Rahmen“, in dem sich Gesellschaft in den Raum zeichnet.“
Angelus Eisinger


Ausblick und Orientierung
Über den weiten Bergrücken des Hohen Odenwaldes scheint die Sonne. An diesem herrlichen Tag ist nichts davon zu spüren, dass diese Gegend traditionell den Namen „Winterhauch“ trägt. Ein herrlicher Tag, um die Landschaft zu Fuß zu durchstreifen – wie zum Wandern, Schauen und Entdecken gemacht! Mein Blick fällt auf den weithin sichtbaren Katzenbuckel, der mit seinen 626 Meter ü. NN den Buntsandstein-Odenwald überragt. Die Hochfläche, auf der ich gehe, liegt auf rund 500 m ü. NN. Wo die Bergrücken weiträumig gerodet und mit einzelnen Dörfern besiedelt sind, hat man leicht den Eindruck, man befände sich gar nicht in einem Mittelgebirge. Doch das Bild täuscht. Wer an einen der steilen Hänge der tief eingeschnittenen Täler gelangt, wird bald eines Besseren belehrt: Vom Katzenbuckel aus geht es in nur zwei Kilometer Luftlinie schnell auf 200 m ü. NN; und wer dort einmal bergauf wandert, der weiß, was ein Gebirge ist. „Hoher Odenwald“ – der Name ist gebräuchlich und wirft doch Rätsel auf: Welcher Teilraum des Odenwaldes ist denn hier gemeint?

Im Handbuch der naturräumlichen Gliederung Deutschlands, das seit den 1950er Jahren als Grundlage für Landschaftsplanungen herangezogen wird, ist die Bezeichnung „Hoher Odenwald“ nicht vertreten. Dort finden wir die Teilräume des Naturparks in den Kategorien „Südlicher zertalter Sandsteinodenwald (Neckarseitentäler)“, „östlicher zertalter Sandsteinodenwald“ (Mainseitentäler)“, „Kristalliner Odenwald“, „Bergstraße“ und „Odenwald-Neckartal“. An den Übergängen zum Muschelkalk werden zudem die naturräumlichen Einheiten „Bauland“ und „Kraichgau“ berührt. Andere Begrifflichkeiten stammen entweder aus dem Volksmund (z.B. „Kleiner Odenwald“), aus der Geschichte (z.B. „Wintterruch“ im 15. Jahrhundert, jeute "Winterhauch") oder – und damit sind wir bei der Namenserklärung für den „Hohen Odenwald“ angekommen – vor allem aus dem Tourismusmarketing.

Produktion einer Landschaft?
Landschaften sträuben sich heute mehr denn je gegen eine eindeutige Zuordnung. Schon im 19. Jahrhundert wurde klar, dass man sie aus vielen Perspektiven betrachten muss und unter naturwissenschaftlichen, kulturgeschichtlichen oder künstlerischen Aspekten beschreiben und untergliedern kann. Im Gegenwartsfokus der Postmoderne gehen althergebrachte Kategorien verloren. So muss etwa die Definition einer „ländlichen Region“ aufgrund der überall gleicherma0en verfügbaren Massenmedien und der Mobilität ihrer Bewohner zunehmend relativiert werden, während neue Siedlungsstrukturen in den urbanen Räumen die Stadt-Land-Grenze auf der anderen Seite aufweichen.

Um Landschaften zu beschreiben und voneinander abzugrenzen, reichen Modelle wie die naturräumliche Gliederung nicht aus. Landschaft ist eine dynamische Kategorie geworden, die durch das Wechselspiel mit ihren Akteuren und deren Interessen immer wieder neu produziert wird. Auch der „Hohe Odenwald“ ist genau genommen eine Neuerfindung der Landschaft, eine relativ junge Kategorisierung mit unklarer Definition. Welcher Landstrich damit genau gemeint ist, bleibt weitgehend den Interpretationen des touristischen Destinationsmanagements überlassen, das sich nicht allzu sehr um eine exakte geographische Zuordnung zu kümmern braucht.

Die Bezeichnung „Hoher Odenwald“ scheint in den letzten Jahren von der Hochfläche um den Katzenbuckel ausgehend mehr und mehr zum markentauglichen Synonym ungefähr für den Bereich der Gemeinden Waldbrunn, Mudau, Limbach, Fahrenbach und Elztal zu werden, verstärkt durch deren Geopark-Zuteilung in den so genannten „Erlebnisbereich Hoher Odenwald“. Sollte sich der Name zukünftig weiter etablieren, können wir bald beobachten, wie sich die Vorstellungen der Menschen im Selbstverständnis eines Landstrichs niederschlagen – oder anders ausgedrückt: wie eine Landschaft neu erfunden wird.

Im Rahmen der naturräumlichen Gliederung wäre mit dem „Hohen Odenwald“ das Gebiet des südöstlichen Sandsteinodenwaldes mit den Seitentälern von Neckar und Main erfasst. Spätestens im Tal der Elz wird die touristische Kategorie allerdings streitbar, denn hier fällt der gar nicht mehr so hohe Odenwald bereits auf unter 300 m ü. NN ab und mit den Ortsteilen Neckarburken und Dallau befinden wir uns am Übergang zum Muschelkalk und damit bereits auf dem Weg ins Bauland. Die geographische Ungenauigkeit einer „mentalen Landschaft“, die ihre Wurzeln im Marketing hat, ist offenkundig. Fraglos ist allerdings auch, dass der Name „Hoher Odenwald“ weitaus besser von der Zunge geht als „südöstlicher zertalter Sandsteinodenwald“.

Berg und Tal im Wechselspiel der Flussgeschichte
Als ich durch die Scheuerklinge in den Oberhöllgrund hinunter steige, verweile ich am Landgasthaus Zur Mühle, einem der „Naturpark-Wirte“, die mit ihren regionaltypischen Gerichten aus hofeigenen Produkten kulinarische Naturerlebnisse schaffen und die Kulturlandschaft im Naturpark Neckartal-Odenwald „mit Messer und Gabel“ pflegen. Nahe der Mühle beschaue ich mir den „Hohen Odenwald“ von meinem tief gelegenen Standpunkt auf gerade mal 270 m ü. NN. Im Süden steigt der Hang des Katzenbergs, im Norden der Geiersberg an. Irgendwo dort oben wurde auf über 500 m das Jagdschloss Max-Wilhelmshöhe aus den Sandsteinen des verschwundenen Oberferdinandsdorfes errichtet.

Im „hellen Grund“ kann man die Spuren historischer Wirtschaftsweise gut erkennen, und auch diese charakterisieren das Nebeneinander von Bergrücken und Bachtälern: Das Mühlrad dreht sich noch heute und zeugt – wie ein Taktschlag aus anderer Zeit – von den einst zahlreichen Getreidemühlen, die für die Versorgung der Bauern, welche auf den Hochflächen ihre Äcker bestellten, zuständig waren. Am Höllbach entdeckt man zudem die Relikte der Wiesenwässerung: mit Sandstein gefasste Kanäle, Kandel genannt, die einst das Wasser aus Bachlauf und Quellen über die Hangwiesen leiteten, um die Vegetationsperiode zu verlängern.

Auch die tief eingeschnittenen Bachtäler prägen den landschaftlichen Charakter des Hohen Odenwaldes. Damit wird klar, dass sich die naturräumlichen Einheiten ineinander verzahnen, denn die Kerbtäler und die fast schluchtartigen Klingen des südöstlichen Sandsteinodenwaldes sind nur im Kontext des Neckartals oder – wie am Mudauer Ünglert – des Maintals zu verstehen. Als vor über 30 Millionen Jahren der Höhenversatz zwischen dem nördlichen Oberrheingraben und dem Odenwald begann, bildeten sich erstmals westwärts gerichtete Fließgewässer. Vor allem in den letzten fünf Millionen Jahren konnten sich Neckar und Main immer weiter ins Gebirge einsägen. Noch heute beträgt der vertikale Versatz zwischen Odenwald und Rheingraben nahezu 0,3 mm im Jahr. Mit den großen Flüssen haben sich auch die Nebengewässer in den Sandstein gefressen: die Itter, die Mud, die Elz und schließlich die kleineren Bachläufe wie der Höllbach. Die steilen Klingen markieren die Übergänge von der Hochfläche zu den Bachtälern. Gewaltige Höhenunterschiede entstanden und der Odenwald erhielt sein Gesicht.

Explosiv! Vulkanrelikt Katzenbuckel
Von der nördlich des Höllgrunds gelegenen Hochfläche sehe ich noch einmal den Katzenbuckel – ein erhebender Ausblick. Im geistigen Auge des Geologen beginnt sogleich eine Art Animationsfilm, welche die Entstehung des Vulkans bildhaft rekonstruiert. Vor rund 65 Millionen Jahren hatte es hier kräftig „geknallt“. Der explosive Vulkanausbruch wurde vermutlich durch Magma-Grundwasser-Kontakt ausgelöst, der zu einer Wasserdampfexplosion führte. In den hierdurch ausgeschossenen Explosionstrichter ergossen sich glutflüssige magmatische Schmelzen und erstarrten.

Verwitterung und Erosion nagten Millimeter für Millimeter an der Landoberfläche und trugen die Sedimentgesteine des Jura, des Keuper und des Muschelkalk ab, bis schließlich – aus der Gegenwartsperspektive betrachtet – der obere Buntsandstein freigelegt war. Dort aber, wo das harte magmatische Gestein im Explosionstrichter steckte, traf die Erosion auf größeren Widerstand und modellierte aus dem verfüllten Trichter einen Berg: den Katzenbuckel. Andere vulkanische Vorkommen, die teils weitaus schlechter erhalten blieben – und vereinzelt nur zufällig durch Baugrunduntersuchungen gefunden wurden, wie der kleine Tuffschlot in der Waldbrunner Eisigklinge – machen deutlich, dass der Odenwald eine feurige Vergangenheit hat.

Kultur malt sich in die Landschaft
Mein Weg führt vorbei am Felsenhaus, wo sich nach 1800 der Räuber Hölzerlips mit seiner Winterhauchbande versteckt haben soll, bis zum verschwundenen Unterferdinandsdorf, das um 1850 aufgegeben wurde. Altes Mauerwerk zeugt noch heute von dem gravierenden Elend der Odenwälder Bevölkerung im frühen 19. Jahrhundert. Siedlungsaufgaben, so genannte Wüstungen, waren nur der Gipfel des Eisbergs einer verarmenden Gesellschaft, der schließlich zu einer Massenauswanderung nach Amerika führte. Das Leben war hart auf dem Winterhauch!

Heute sind die Spuren dieser schlimmen Zeit in den Archiven dokumentiert – und manchmal auch noch im Gelände, dort, wo sich der Wald längst wieder alte Siedlungsflächen zurückgeholt und als Zeugnis der Armut nur Mauerreste übrig gelassen hat. Neben Ferdinandsdorf erinnert man sich im südöstlichen Odenwald auch an das verschwundene Dorf Rineck, das einstmals auf einem Bergrücken der heute zu Elztal gehörenden Höhenzüge lag. Im Reisenbacher Grund erreiche ich Mudauer Gemarkung und steige wieder auf 500 m ü. NN bis zum Römerkastell bei Oberscheidenthal, wo ich an der Porta Principalis Dextra darüber nachsinne, dass sich in unseren Landschaften nicht nur die heutige Zeit, sondern auch die Vergangenheit in den Raum hinein zeichnet. Ganz ähnlich, wie sich Flüsse und Bachläufe in den Sandstein des Gebirges schneiden, hinterlässt jede Kultur tiefe Eindrücke, die aus den Vorstellungen ihrer Zeit hervorströmen.

Die Römer am Neckar-Odenwald-Limes, die germanischen Gesellschaftsformen, die im Hohen Odenwald schließlich zur hochmittelalterlichen Siedlungsperiode führten, die Entwicklungen der Neuzeit – alles prägte den Landstrich auf seine Weise. Auf dem Weg nach Mudau zeugen die nun häufiger sichtbaren Steinkreuze und Bildstöcke – ich erinnere mich auch an den wunderbaren Dreisteg auf Limbacher Gemarkung – von der Bedeutung der Pilgerwege und Wallfahrten. Der Odenwald ist nicht zuletzt eine Sakrallandschaft. Beim Wandern wird klar, wie sich Vorstellungen der Menschen – damals wie heute – im Odenwald verewigen. Die Landschaft hat viel zu erzählen. Und nicht nicht selten ist der schnellste Weg, sie zu entdecken, der langsamste: zu Fuß.

Artikel erstmals veröffentlicht im Jahresheft des Natzrparks Neckartal-Odenwald 2011
(c) M. Hahl 2011

29. September 2013

Vulkanrelikt Katzenbuckel durch Geotop-Auszeichnung und Faltblätter gewürdigt

Zur Auszeichnung des Katzenbuckels als "Geotop des Jahres 2013" - mit Feierstunde und Exkursion am 15. September gewürdigt - erschienen gleich zwei neue Faltblätter über das 626 m hohe Waldbrunner Vulkanrelikt: Eines wurde von Geo-Naturpark Bergstraße-Odenwald herausgegebenen, ein zweites von der Gemeinde Waldbrunn. An beiden "Flyern" wirkte das Projektbüro proreg maßgeblich mit.

„Kommen Sie mit auf einen virtuellen Flug in die Erdgeschichte ...“, so führt das neue Faltblatt der Gemeinde Waldbrunn in die Geologie des Katzenbuckels ein. Inhaltlich wurde es von Geograph Michael Hahl vom bearbeitet, der sich seit über zehn Jahren mit der Geologie und Steinbruchgeschichte des Waldbrunner Hausbergs befasst. Ein Schwerpunkt des Blatts behandelt den explosiven Ausbruch vor über 65 Millionen Jahren und berücksichtigt dabei aktuelle Forschungen. Auch die Steinbruchgeschichte wird thematisiert; schließlich bereichert ein Exkurs zum Schädelabdruck des Riesenlurchs „Odenwaldia heidelbergensis“, der unweit des Katzenbuckels gefunden wurde, den Überblick. Geotouristisch ist der Katzenbuckel ein Highlight für die Gemeinde und für die Region.

Anke Lenz von der Tourist-Information Waldbrunn war für die Gesamtkoordination zuständig. Das Faltblatt ist in der Tourist-Information in der Katzenbuckel-Therme und in der Eberbacher Geschäftsstelle des Naturparks Neckartal-Odenwald erhältlich. Die nächsten Geoexkursionen am Katzenbuckel unter Leitung von Michael Hahl finden am
Sonntag, 13. Oktober und
Sonntag, 03. November 2013,
jeweils ab 10.00 h statt.

29. Juli 2013

Katzenbuckel ab September "Geotop des Jahres"

Eine der Teilnehmerinnen meiner gestrigen Geoexkursion am Katzenbuckel war Dr. Jutta Weber vom Geo-Naturpark Bergstraße-Odenwald. Zum Abschluss gab sie den zwei Dutzend Zuhörern auf dem Gipfelfelsen besondere Katzenbuckel-News kund: Das Waldbrunner Vulkanrelikt wird zum "Geotop des Jahres 2013" auserkoren! Am Sonntag, dem 15. September, wird zu dieser Gelegenheit eine Festivität am Katzenbuckel abgehalten, um die Auszeichnung im würdigen Rahmen der Öffentlichkeit zu präsentieren ...













Markante Fels- oder Bodenformationen, Gesteinsaufschlüsse und Steinbrüche, Fundstellen von Mineralien und Fossilien, Höhlen oder eiszeitlich entstandene Sanddünen und vieles mehr – alles das sind Geotope. Manchmal hört man dazu auch die bildhafte Umschreibung „Fenster in die Erdgeschichte“. Je aussagekräftiger, seltener, schöner sie sind, umso wertvoller und schutzwürdiger werden sie eingestuft; einige davon, längst nicht alle, sind als Naturdenkmale ausgewiesen und naturschutzfachlich geschützt. Geotope können, wenn sie entsprechend inwertgesetzt und vermittelt werden, die (geo-)touristische Wertschöpfung stärken und dazu beitragen, regionale Identität zu stiften. Sie sind Bausteine der Regionalentwicklung.

Joachim Vogt beschreibt im Jahr 2006 „Geotope als geologische, morphologische oder hydrologische Landschaftselemente, die aufgrund ihrer Einmaligkeit oder aufgrund ihres Typus geeignet sind, von unterschiedlichen Personengruppen – Einheimischen und Fremden – als Aufmerksamkeit erregende Attraktivität und vor allem als etwas unverwechselbares wahrgenommen zu werden."

Seit 2002 werden auch im länderübergreifenden Geo-Naturpark Bergstraße-Odenwald "Geotope des Jahres" ausgewiesen. Ab September 2013 wird sich der Katzenbuckel in bester Gesellschaft regionaler Landschaftsattraktionen befinden: Neben dem Lautertaler Felsenmeer, dem Europareservat Kühkopf-Knoblochsaue, der Buchen-Eberstadter Tropfsteinhöhle, dem UNESCO-Welterbe Grube Messel und einigen weiteren ausgezeichneten Geotopen im über 3500 Quadratkilometer großen Geopark kann bald auch der vulkanische Erosionsrest in Waldbrunn diese besondere Auszeichnung vorweisen. Am "Tag des Geotops", dem 15. September, wird dann auch die nächste Geoexkursion von meiner Seite im Rahmen der Feierlichkeiten am Katzenbuckel erfolgen.
 

Weitere Infos: http://www.geo-naturpark.net/deutsch/geologie/geotope-des-jahres.php

7. Juni 2013

Wie der Steinbruch-See am Katzenbuckel entstand

Waldbrunner Geoexkursion führt am kommenden Sonntag auf den höchsten Odenwaldberg

Von Michael Hahl

In unseren Flusslandschaften heißt es dieser Tage „Land unter“. Während weite Teile Deutschlands vom Extremhochwasser betroffen sind, spiegelt sich die Situation in manch einem kleinen See des Odenwaldes wider, freilich im kleinen Maßstab und ohne Anwohnerrisiko. Auch der See auf dem höchsten Berg des Mittelgebirges, dem Waldbrunner Vulkanrelikt Katzenbuckel, dokumentiert den aktuellen Wasserhaushalt. Selten war ein Mai in Deutschland so regenreich wie der „Wonnemonat“ im Jahr 2013. Die Grundwasserspeicher in den Klüften und Hohlräumen der Gesteine sind aufgefüllt, und auch der kleine Bergsee, der sich vor über vierzig Jahren in einem alten Steinbruch bildete, führt derzeit „Hochwasser“.



Der Steinbruchsee im Herbst 2012: Aufgrund der zuvor geringen Regenmengen war ein Teil des Sees verlandet und die Uferzone freigelegt. Niederschlag, Verdunstung und Grundwasser-Neubildung führen zu wechselnden Wasserständen am Bergsee. 
(Fotos: Loeffen/Hahl)

Noch im vergangenen Herbst staunten Spaziergänger nicht schlecht: Die Wasserspiegelhöhe des Katzenbuckel-Sees war auf einen Tiefstand abgefallen, wie ihn die meisten Besucher noch nicht gesehen hatten. Es schien, als wollte sich der alte Steinbruch allmählich wieder aus dem Wasser herausheben, das vor über vierzig Jahren einströmte und den Abbaubetrieb zunehmend schwieriger machte. Nur die unterste Steinbruchsohle blieb im Herbst 2012 noch etwa 15 m tief unter Wasser.


Aktuell führt der Katzenbuckel-See durch den regennassen Mai „Hochwasser“. Der Flachwasserbereich zeigt Eutrophierung durch vermehrte Nährstoffe im Zuge der vorangegangenen Verlandung. 
(Foto: Hahl)



Doch nach den Regenfällen der letzten Wochen und Monate zeigt sich die zuvor freigelegte Schotterfläche nun wieder als See. Allenfalls eine vermehrte Algenbildung kennzeichnet die zuvor komplett verlandete Flachwasserzone. Offenbar reagiert der Bergsee für alle Besucher gut sichtbar auf die Auswirkungen von Niederschlag, Grundwasserbildung und Verdunstung und gibt damit auch ein deutliches Zeugnis seiner eigenen Entstehung im Wechselspiel des lokalen Wasserhaushalts.

Der Bergsee befindet sich auf etwa 560 m ü. NN und damit oberhalb der Hochfläche des südlichen Odenwaldes, die nur vom Katzenbuckel überragt wird. Es gibt weder einen Zulauf durch einen Bach noch konnte man eine Quelle am Boden des Gewässers entdecken und somit ist keine unterirdische Speisung durch einen Wasserzulauf nachweisbar. Dennoch hat sich im Steinbruch, der am so genannten Michelsberg, dem Südosthang des Katzenbuckels, bis ins Jahr 1974 betrieben wurde, Wasser angestaut. Bereits seit den 60er Jahren war nach und nach immer wieder Wasser in das Gelände vorgedrungen, das aufwändig abgepumpt werden musste, um den Abbau zu gewährleisten.

Man hatte offenbar durch die Sprengungen in die unteren Stockwerke des Berghanges ein altes Grundwasservorkommen freigelegt, das sich allmählich zu einem Bergsee ausweitete. Der nun frei zugängliche Kluftgrundwasserspeicher blieb aufgrund einer niedrigen Verdunstungsrate erhalten und wurde durch die hohen Niederschlagsmengen am Katzenbuckel weiter gespeist. Der Katzenbuckel-See befindet sich also in einem dynamischen Gleichgewicht zwischen Niederschlag und Verdunstung, wohl aber führen die aktuellen Witterungsverhältnisse immer wieder zu einem Absenken oder Erhöhen der Wasserspiegelhöhe.

Wie konnte sich aber in den vulkanischen Katzenbuckelgesteinen ein Grundwasserspeicher halten, der die Sandstein-Höhenzüge rings um den Buckel um einige Zehnermeter überragt? Die Erklärung ist eng an die Landschaftsgeschichte des Katzenbuckels gekoppelt. In den Klüften seiner vulkanischen Gesteine, die heute als Phonolith und Syenit bezeichnet werden, hatte sich bereits in Urzeiten Grundwasser angesammelt. Im Lauf der Jahrmillionen andauernden Heraushebung des Odenwaldes wurde natürlich auch der Katzenbuckel mit emporgehoben. Als der weichere Sandstein, der rings um ihn ansteht, immer tiefer erodiert wurde, schälte sich der widerstandsfähigere Vulkanhärtling aus seiner Umgebung heraus – und mit ihm geriet das alte Grundwasservorkommen schließlich über die heutige Landoberfläche.

Wer mehr über den Bergsee, die Steinbruchgeschichte, die vulkanische Vergangenheit des Katzenbuckels und seine Gesteine erfahren möchte, kann am kommenden Sonntag, dem 9. Juni, um 10 Uhr an einer etwa zweistündigen Geoexkursion auf dem „Weg der Kristalle“ teilnehmen, die im Auftrag der Gemeinde Waldbrunn von dem Geographen und Geopark-Ranger Michael Hahl geleitet wird, der mit seinem Projektbüro proreg auch für viele Geopfade der Region verantwortlich zeichnet. Weitere öffentliche Führungen finden am Sonntag, 28. Juli, und dann erst wieder im Herbst des Jahres statt. Treffpunkt ist jeweils am Parkplatz neben dem Gasthaus Turmschenke. Ein Teilnahmebeitrag wird erhoben; eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Weitere Infos findet man auf der Homepage der Gemeinde Waldbrunn.

http://www.waldbrunn-odenwald.de
Gmd. Waldbrunn
http://www.proreg.de/  
Michael Hahl – Projektbüro proreg

30. April 2013

„Grüner Norden – wo Deutschlands Süden beginnt!“

Interregionale Identität oder die Neuerfindung einer Tourismusregion im nördlichen Baden-Württemberg

Michael Hahl

Im Januar 2013 wurde eine Kooperationsvereinbarung besiegelt, welche fortan die sieben Tourismusgemeinschaften im Norden Baden-Württembergs stärker zusammen schmieden soll. Mit einem neuen Marketingauftritt können die überregionalen Angebote im Wander- und Fahrradtourismus sowie die Themen Wein und Kultur besser kommuniziert und gemeinsame Werbebudgets generiert werden. Mit der neuen „Tourismuskooperation Nördliches Baden-Württemberg“ treten die Tourismusverbände "Odenwald" (TGO), "Kurpfalz", "Heilbronner Land", "Hohenlohe", "Hohenlohe-Schwäbisch Hall", "Liebliches Taubertal" und "Kraichgau-Stromberg" stärker als Einheit auf. – Einheit? Das trifft die Sache vielleicht nicht ganz, denn von einer gemeinsamen Identität scheint man im Norden des Landes doch recht weit entfernt.

Sieht man sich die kleinen nord-baden-württembergischen Gebiete zwischen Stuttgart, Heidelberg und bis hin zur A7 einmal auf der Karte an und verortet die jeweiligen Tourismusverbände, so scheint es allerdings mehr als angemessen, den südlichen Riesen „Schwarzwald“, „Region Stuttgart“, „Schwäbische Alb“ und „Bodensee“ ein starkes Nordgewicht entgegenzusetzen. BW-Nord kann und sollte vielleicht – auch vor dem Hintergrund einer Tourismus Marketing GmbH (TMBW) auf Landesebene – sogar noch um einiges stärker als Bundesland-Baustein heimischer Ferienregionen wahrgenommen werden. Ließe sich aus der Tourismuskooperation gar eine „Dachmarke“ schaffen und wäre das effektiv oder würde man damit nur mühsam zusammenschmieden, was eigentlich nicht zusammen gehört? Genug Stoff für ein kleines tourismusgeographisches Brainstorming ...

Vor dem Millennium gab es noch einen so genannten „Fremdenverkehrsverband Neckarland-Schwaben" mit Sitz in Heilbronn. Dieser umfasste die Schwäbische Alb, "Neckar-Hohenlohe", den Schwäbischen Wald, das „Liebliche Taubertal“, den mittleren Neckar (inklusive Stuttgart), Kraichgau und Stromberg sowie Neckartal-Odenwald und die Kurpfalz (inklusive Mannheim und Heidelberg). Das war wohl etwas zu groß geraten, denn ab 1999 setzte sich der Trend zur Dezentralisierung durch, um die Landstriche individueller touristisch entwickeln und vermarkten zu können. Mit der Tourismus Marketing GmbH Baden-Württemberg (sowie der Heilbäder und Kurorte Marketing Baden-Württemberg GmbH) wurde die touristische Markenbildung länderübergreifend organisiert; deren operative Umsetzung lag weiter in den Händen der regionalen Tourismusverbände. Innerhalb der TMBW scheint es jedoch – und das ist eben die Ausgangshypothese dieses mentalen Sturms und Drangs – „Riesen“ und „Zwerge“ zu geben; auch wenn sich die Nordregionen zu Recht gegen den hier etwas provokativ ausgerufenen und natürlich auch vereinfachten Zwergenstatus beschweren werden. Lassen wir es dennoch mal so stehen, als pfiffige Arbeitsthese sozusagen.

Ein homogenes Auftreten der Regionen im Norden Baden-Württembergs, um gegebenenfalls eine Dachmarke schaffen zu können, scheint schon aus naturräumlicher und kulturgeschichtlicher Perspektive deutlich schwieriger als etwa im Schwarzwald – der klassischen Dachmarke des innerdeutschen Tourismus. Nördlich von Stuttgart sind die Gebiete uneinheitlicher; eine gemeinsame Identität ist hier in der Tat nicht vorgegeben. Im Nordwesten, das heißt im überwiegend badischen Odenwald mit dem unteren Neckartal, ist man traditionell eher in Richtung „Kurpfalz“ orientiert; irgendwo zwischen Eberbach und Mosbach pendelt die regionale Identität dann allmählich in andere Gefilde; der Grenzsaum zwischen Baden und Württemberg spielt da ebenfalls mit hinein. Hinzu kommt im Nordwesten die – aus der Perspektive des Tourismusmarketings nicht immer einfache – Verknüpfung mit dem hessisch-badisch-bayerischen Dreiländereck, aus welcher der badische Odenwald leider oftmals als Verlierer hervorgeht, wenn das Mittelgebirge wieder mal in irgendeinem Reiseführer als hessisches Naturrefugium dargestellt wird.

Die übrigen Teilregionen im Norden Baden-Württembergs sind wiederum in andere Traditionen eingebunden und ebenso heterogen. Der Kraichgau im Westen und das Taubertal im Osten gehören sicherlich nicht so richtig zusammen und selbst die unmittelbar benachbarten Regionen Hohenlohe und Heilbronner Land sind sehr unterschiedlich aufgestellt. Doch es gibt sie vielleicht doch, die gemeinsame Basis: Wenn man etwa von der Raumordnung Baden-Württembergs ausgeht, dann werden aus sieben Gebieten immerhin nur noch drei. In der Regionalplanung treffen sie nachbarschaftlich aufeinander: Region Heilbronn-Franken (mit dem Landkreis Heilbronn, dem Hohenlohe-Kreis, dem Landkreis Schwäbisch-Hall und dem Main-Tauber-Kreis), der östliche Anteil der Metropolregion Rhein-Neckar (Rhein-Neckar-Kreis und Neckar-Odenwald-Kreis) sowie ein Teilgebiet der Region Mittlerer Oberrhein (mit dem Kraichgau). Ist der Norden Baden-Württembergs also doch nicht so weit voneinander entfernt? Ließe sich die regionalplanerische Dreiheit auf eine touristische Einheit übertragen? Ist alles, auch im Tourismusmarketing, eine Frage der Raumordnung respektive der interregionalen Identitätsbildung?

„Raum“ ist eine dynamische Kategorie. Er wird durch das Wechselspiel mit seinen Akteuren und deren Interessen immer wieder neu produziert. Längst weiß man in Fachkreisen, dass regionale Landschaften aus ganz unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden können, etwa unter naturwissenschaftlichen, kulturgeschichtlichen oder künstlerischen Aspekten beschrieben werden müssen. Im Fokus der Postmoderne scheinen althergebrachte Kategorien schneller als früher verloren zu gehen oder immer wieder dynamisch neu zu entstehen. Die klassische Definition einer „ländlichen Region“ muss beispielsweise durch Mobilität und Massenmedien zunehmend relativiert werden, während neue Siedlungsstrukturen in urbanen Räumen die Stadt-Land-Grenze von der anderen Seite her aufweichen. Mit den Wechselwirkungen zwischen Raum und seinen Akteuren gestaltet sich auch ein Wandel regionaler Identität.













So betrachtet ist es letztlich eine Frage der kreativen Inkorporation, ob sich die Teilräume im nördlichen Baden-Württemberg womöglich doch leichter als gedacht als innovative touristische Dachmarke entwickeln lassen könnten. Die Zeichen der Zeit mögen zwar in anderer Hinsicht auf Dezentralisierung und Regionalisierung gestellt sein und das ist in punkto Regionalentwicklung und heimische Wirtschaftskreisläufe sicher auch effektiv und diesem Prozess soll keineswegs gegengesteuert werden, Doch innerhalb der Strukturen des länderübergreifenden Tourismusmarketings Baden-Württembergs ist eine interregionale Kooperation der nördlichen „Zwerge“ eben noch einmal in einem anderen Kontext zu sehen. Die Neuerfindung einer gemeinsamen touristischen Identität wäre vor diesem Background schlicht ein Instrument zur Stärkung der nord-baden-württembergischen Regionalwirtschaft.

Wir stürmen also unbeirrt weiter ... Identität braucht einen Namen. Und weil der Begriff Tourismuskooperation Nördliches Baden-Württemberg“ definitiv zu sperrig fürs Marketing ist, wäre zu überlegen, wie man das Kind aus der Taufe heben könnte. Hier sind nun die Dichter und Denker gefragt, oder die Werbetexter ... Im Webauftritt der TMBW ist von einer „Region Grüner Norden des Südens“ die Rede – allenfalls als Arbeitstitel brauchbar, mit Verlaub. Obwohl, „Grüner Norden“, das klingt schon mal gar nicht so schlecht, oder? Ich kreiere mal munter weiter: Grüner Norden – wo Deutschlands Süden beginnt!“ Wär doch was; damit gehe ich hier mal ins Rennen ... Oder lieber eine ganz neue Wortschöpfung, ein poetisches Kunstwort mit Bezug zu den betreffenden Locations? – Also, schauen wir doch mal, wie es mit der „Tourismuskooperation Nördliches Baden-Württemberg“ womöglich noch so weitergehen könnte ...

Anmerkung: Neben der 2013 beschlossenen „Tourismuskooperation Nördliches Baden-Württemberg“ gibt es bereits ergänzende kooperative Initiativen, die in diesem Kontext erwähnt werden sollten: Stellvertretend für solche interregional identitätsstiftenden Kräfte sei hier noch auf die Vernetzung der baden-württembergischen Naturparke - vgl. http://www.naturparke-bw.de/ - sowie auf das kulturtouristische Netzwerk KIRA - vgl. http://kiratour.de/ - hingewiesen, das Angebote der Region Heilbronn-Franken bündelt und deren Marketing und Vernetzung unterstützt.