30. April 2013

„Grüner Norden – wo Deutschlands Süden beginnt!“

Interregionale Identität oder die Neuerfindung einer Tourismusregion im nördlichen Baden-Württemberg

Michael Hahl

Im Januar 2013 wurde eine Kooperationsvereinbarung besiegelt, welche fortan die sieben Tourismusgemeinschaften im Norden Baden-Württembergs stärker zusammen schmieden soll. Mit einem neuen Marketingauftritt können die überregionalen Angebote im Wander- und Fahrradtourismus sowie die Themen Wein und Kultur besser kommuniziert und gemeinsame Werbebudgets generiert werden. Mit der neuen „Tourismuskooperation Nördliches Baden-Württemberg“ treten die Tourismusverbände "Odenwald" (TGO), "Kurpfalz", "Heilbronner Land", "Hohenlohe", "Hohenlohe-Schwäbisch Hall", "Liebliches Taubertal" und "Kraichgau-Stromberg" stärker als Einheit auf. – Einheit? Das trifft die Sache vielleicht nicht ganz, denn von einer gemeinsamen Identität scheint man im Norden des Landes doch recht weit entfernt.

Sieht man sich die kleinen nord-baden-württembergischen Gebiete zwischen Stuttgart, Heidelberg und bis hin zur A7 einmal auf der Karte an und verortet die jeweiligen Tourismusverbände, so scheint es allerdings mehr als angemessen, den südlichen Riesen „Schwarzwald“, „Region Stuttgart“, „Schwäbische Alb“ und „Bodensee“ ein starkes Nordgewicht entgegenzusetzen. BW-Nord kann und sollte vielleicht – auch vor dem Hintergrund einer Tourismus Marketing GmbH (TMBW) auf Landesebene – sogar noch um einiges stärker als Bundesland-Baustein heimischer Ferienregionen wahrgenommen werden. Ließe sich aus der Tourismuskooperation gar eine „Dachmarke“ schaffen und wäre das effektiv oder würde man damit nur mühsam zusammenschmieden, was eigentlich nicht zusammen gehört? Genug Stoff für ein kleines tourismusgeographisches Brainstorming ...

Vor dem Millennium gab es noch einen so genannten „Fremdenverkehrsverband Neckarland-Schwaben" mit Sitz in Heilbronn. Dieser umfasste die Schwäbische Alb, "Neckar-Hohenlohe", den Schwäbischen Wald, das „Liebliche Taubertal“, den mittleren Neckar (inklusive Stuttgart), Kraichgau und Stromberg sowie Neckartal-Odenwald und die Kurpfalz (inklusive Mannheim und Heidelberg). Das war wohl etwas zu groß geraten, denn ab 1999 setzte sich der Trend zur Dezentralisierung durch, um die Landstriche individueller touristisch entwickeln und vermarkten zu können. Mit der Tourismus Marketing GmbH Baden-Württemberg (sowie der Heilbäder und Kurorte Marketing Baden-Württemberg GmbH) wurde die touristische Markenbildung länderübergreifend organisiert; deren operative Umsetzung lag weiter in den Händen der regionalen Tourismusverbände. Innerhalb der TMBW scheint es jedoch – und das ist eben die Ausgangshypothese dieses mentalen Sturms und Drangs – „Riesen“ und „Zwerge“ zu geben; auch wenn sich die Nordregionen zu Recht gegen den hier etwas provokativ ausgerufenen und natürlich auch vereinfachten Zwergenstatus beschweren werden. Lassen wir es dennoch mal so stehen, als pfiffige Arbeitsthese sozusagen.

Ein homogenes Auftreten der Regionen im Norden Baden-Württembergs, um gegebenenfalls eine Dachmarke schaffen zu können, scheint schon aus naturräumlicher und kulturgeschichtlicher Perspektive deutlich schwieriger als etwa im Schwarzwald – der klassischen Dachmarke des innerdeutschen Tourismus. Nördlich von Stuttgart sind die Gebiete uneinheitlicher; eine gemeinsame Identität ist hier in der Tat nicht vorgegeben. Im Nordwesten, das heißt im überwiegend badischen Odenwald mit dem unteren Neckartal, ist man traditionell eher in Richtung „Kurpfalz“ orientiert; irgendwo zwischen Eberbach und Mosbach pendelt die regionale Identität dann allmählich in andere Gefilde; der Grenzsaum zwischen Baden und Württemberg spielt da ebenfalls mit hinein. Hinzu kommt im Nordwesten die – aus der Perspektive des Tourismusmarketings nicht immer einfache – Verknüpfung mit dem hessisch-badisch-bayerischen Dreiländereck, aus welcher der badische Odenwald leider oftmals als Verlierer hervorgeht, wenn das Mittelgebirge wieder mal in irgendeinem Reiseführer als hessisches Naturrefugium dargestellt wird.

Die übrigen Teilregionen im Norden Baden-Württembergs sind wiederum in andere Traditionen eingebunden und ebenso heterogen. Der Kraichgau im Westen und das Taubertal im Osten gehören sicherlich nicht so richtig zusammen und selbst die unmittelbar benachbarten Regionen Hohenlohe und Heilbronner Land sind sehr unterschiedlich aufgestellt. Doch es gibt sie vielleicht doch, die gemeinsame Basis: Wenn man etwa von der Raumordnung Baden-Württembergs ausgeht, dann werden aus sieben Gebieten immerhin nur noch drei. In der Regionalplanung treffen sie nachbarschaftlich aufeinander: Region Heilbronn-Franken (mit dem Landkreis Heilbronn, dem Hohenlohe-Kreis, dem Landkreis Schwäbisch-Hall und dem Main-Tauber-Kreis), der östliche Anteil der Metropolregion Rhein-Neckar (Rhein-Neckar-Kreis und Neckar-Odenwald-Kreis) sowie ein Teilgebiet der Region Mittlerer Oberrhein (mit dem Kraichgau). Ist der Norden Baden-Württembergs also doch nicht so weit voneinander entfernt? Ließe sich die regionalplanerische Dreiheit auf eine touristische Einheit übertragen? Ist alles, auch im Tourismusmarketing, eine Frage der Raumordnung respektive der interregionalen Identitätsbildung?

„Raum“ ist eine dynamische Kategorie. Er wird durch das Wechselspiel mit seinen Akteuren und deren Interessen immer wieder neu produziert. Längst weiß man in Fachkreisen, dass regionale Landschaften aus ganz unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden können, etwa unter naturwissenschaftlichen, kulturgeschichtlichen oder künstlerischen Aspekten beschrieben werden müssen. Im Fokus der Postmoderne scheinen althergebrachte Kategorien schneller als früher verloren zu gehen oder immer wieder dynamisch neu zu entstehen. Die klassische Definition einer „ländlichen Region“ muss beispielsweise durch Mobilität und Massenmedien zunehmend relativiert werden, während neue Siedlungsstrukturen in urbanen Räumen die Stadt-Land-Grenze von der anderen Seite her aufweichen. Mit den Wechselwirkungen zwischen Raum und seinen Akteuren gestaltet sich auch ein Wandel regionaler Identität.













So betrachtet ist es letztlich eine Frage der kreativen Inkorporation, ob sich die Teilräume im nördlichen Baden-Württemberg womöglich doch leichter als gedacht als innovative touristische Dachmarke entwickeln lassen könnten. Die Zeichen der Zeit mögen zwar in anderer Hinsicht auf Dezentralisierung und Regionalisierung gestellt sein und das ist in punkto Regionalentwicklung und heimische Wirtschaftskreisläufe sicher auch effektiv und diesem Prozess soll keineswegs gegengesteuert werden, Doch innerhalb der Strukturen des länderübergreifenden Tourismusmarketings Baden-Württembergs ist eine interregionale Kooperation der nördlichen „Zwerge“ eben noch einmal in einem anderen Kontext zu sehen. Die Neuerfindung einer gemeinsamen touristischen Identität wäre vor diesem Background schlicht ein Instrument zur Stärkung der nord-baden-württembergischen Regionalwirtschaft.

Wir stürmen also unbeirrt weiter ... Identität braucht einen Namen. Und weil der Begriff Tourismuskooperation Nördliches Baden-Württemberg“ definitiv zu sperrig fürs Marketing ist, wäre zu überlegen, wie man das Kind aus der Taufe heben könnte. Hier sind nun die Dichter und Denker gefragt, oder die Werbetexter ... Im Webauftritt der TMBW ist von einer „Region Grüner Norden des Südens“ die Rede – allenfalls als Arbeitstitel brauchbar, mit Verlaub. Obwohl, „Grüner Norden“, das klingt schon mal gar nicht so schlecht, oder? Ich kreiere mal munter weiter: Grüner Norden – wo Deutschlands Süden beginnt!“ Wär doch was; damit gehe ich hier mal ins Rennen ... Oder lieber eine ganz neue Wortschöpfung, ein poetisches Kunstwort mit Bezug zu den betreffenden Locations? – Also, schauen wir doch mal, wie es mit der „Tourismuskooperation Nördliches Baden-Württemberg“ womöglich noch so weitergehen könnte ...

Anmerkung: Neben der 2013 beschlossenen „Tourismuskooperation Nördliches Baden-Württemberg“ gibt es bereits ergänzende kooperative Initiativen, die in diesem Kontext erwähnt werden sollten: Stellvertretend für solche interregional identitätsstiftenden Kräfte sei hier noch auf die Vernetzung der baden-württembergischen Naturparke - vgl. http://www.naturparke-bw.de/ - sowie auf das kulturtouristische Netzwerk KIRA - vgl. http://kiratour.de/ - hingewiesen, das Angebote der Region Heilbronn-Franken bündelt und deren Marketing und Vernetzung unterstützt.

4. April 2013

Neue Geoexkursionen am Katzenbuckel

Das Gestein am Waldbrunner Vulkanrelikt, dem Katzenbuckel (südlicher Odenwald), erzählt uns noch heute von einem gewaltigen Vulkanausbruch vor rund 70 Millionen Jahren, also in der ausgehenden Kreidezeit. Aus dem glutflüssigen Magma, das sich einst in einen gewaltigen Explosionstrichter ergoss und erstarrte, formte die Erosion im Lauf der Zeit den höchsten Berg des Odenwaldes. Auch vulkanische Tuffe und andere Gesteinsreste, die beim explosiven Ausbruch in den Trichter stürzten, blieben erhalten, darunter sogar Spuren versteinerter Jura-Fossilien. Während des bis 1974 aktiven Steinbruchbetriebs galt der Katzenbuckel zudem als wichtiger Fundort für zauberhafte Mineralien.

Die Gemeinde Waldbrunn möchte Sie auf einer faszinierenden Zeitreise für die Glanzpunkte am Katzenbuckel begeistern ... Entdecken Sie auf einer etwa 1,5 km langen, 2-stündigen Exkursion mit Kurzvorträgen des Geographen und Geopark-Rangers Michael Hahl die erdgeschichtlichen Geheimnisse des alten „Feuerbergs“ und seine vielfältige Kulturlandschaft: die alten Steinbrüche, die atmosphärischen Gipfelfelsen, den aus Sandstein gemauerten Aussichtsturm aus dem frühen 19. Jahrhundert, die weiten Wiesen mit ihren atemberaubenden Fernblicken und den naturnahen Buchenwald an den steilen Berghängen.

Für's erste Halbjahr 2013 stehen die Termine der Geoexkursionen am Katzenbuckel fest:

Sonntag, 21.04.2013, 10 Uhr

Sonntag, 09.06.2013, 10 Uhr

Sonntag, 28.07.2013, 10 Uhr



Der Treffpunkt für die Führungen ist jeweils an der ersten Lehrpfad-Tafel auf dem Parkplatz neben dem Gasthaus Turmschenke auf dem Katzenbuckel im Waldbrunner Ortsteil Waldkatzenbach.

Weitere Exkursionstermine erfolgen im Spätsommer und Herbst; diese können ab August bei der Tourist Information Waldbrunn unter 06274-928590 erfragt sowie in den Terminkalendern auf www.waldbrunn-odenwald.de und www.proreg.de nachgelesen werden.

Teilnahmebeitrag: 4,50 EUR für Erwachsene; 2,50 EUR bis 12 Jahre; Kurkarteninhaber frei. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich; Teilnahme auf eigene Gefahr; auf gutes Schuhwerk und wettergemäße Kleidung ist zu achten. Auch individuelle Buchungen für Gruppen und Schulklassen sind jederzeit möglich.

13. Januar 2013

Killerformel gegen Bürgerbeteiligung?

Essay von Michael Hahl

Wer von einem "Sankt-Florian-Prinzip" spricht, unterstellt anderen Menschen das Bewusstsein, irgendwelchen Veränderungen zwar grundsätzlich zuzustimmen, sie aber nicht vor der eigenen Haustür zulassen zu wollen. Falls jemand tatsächlich nach dem allzu eigennützigen Motto "Heiliger Sankt Florian, verschon' mein Haus, zünd' andre an ..." urteilen würde, müsste man ihm natürlich ethisch verwerfliches Handeln ankreiden, denn es wäre – wenn auch fraglos sehr „menschlich“ - gesellschaftlich nicht respektabel, einen potenziellen Schaden, um sich selbst zu schützen, anderen an den Hals zu hängen.

Aktuell scheint es sich jedoch einzubürgern, mit der Wortkeule „Sankt-Florian-Prinzip“ nicht allein eine sozial bedenkliche not-in-my-backyard-Position, die auf Kosten anderer Bürger ausgelebt würde, sondern jedwede Skepsis und Kritik unmittelbar betroffener Bürger anzuprangern. Als müsse sich das Einzelinteresse kritiklos einem moralisch positiv besetzten, im Übrigen aber gar nicht näher definierten „Gemeinwohl“ unterordnen, ohne gegebenenfalls nach geeigneteren Konsenslösungen oder allgemeinverträglicheren Kompromissen zu suchen.

Mit der generalisierenden Anprangerung eines Florian-Prinzips werden gleichwohl seriöse und gänzlich unverwerfliche Interessenkonflikte innerhalb der Bürgerschaft nicht ernst genommen, sogar diskreditiert. Mitunter wird der Skeptiker auch noch mit dem Argument konfrontiert, sein politisches bürgerschaftliches Engagement mit dem Ziel, bessere Lösungen zu finden, wolle lediglich eine Gemeinwohl-Orientierung vorgeben; man unterstellt also Vortäuschung falscher Tatsachen - und bedient sich damit gleich noch eines weiteren Totschlagarguments. Schließlich wird es nicht selten der Fall sein, dass Teile der Bürgerschaft einerseits als räumlich unmittelbar betroffene Anrainer involviert und zudem in einem größeren infrastrukturellen Kontext nicht unbedingt vom Gemeinwohl einer Sache oder von deren optimal geplanter Umsetzungsstrategie überzeugt sind.

Legitime Betroffenheit der Anrainer von Großprojekten - wie Verkehrswege, Kraftwerke, Windparks und vieles mehr - wird so aber moralisch per se in ein schlechtes Licht gestellt. Wer hier als Entscheidungsträger und Bürgervertreter nicht umsichtig handelt, riskiert leichtfertig, die Bürgerschaft in konkurrierende Lager zu spalten, Gewinner und Verlierer zu erzeugen, statt in einem transparenten Prozess nach einer Lösung zu suchen, die vielleicht alle Bürger tolerieren könnten.

Für das Prinzip politischen bürgerschaftlichen Engagements, das selbstverständlich auch konstruktiv kritisch sein muss, ist der Umkehrschluss, ein vermeintliches Sankt-Florian-Prinzip als Killerformel gegen persönliche Betroffenheit ins Feld zu führen, allerdings kontraproduktiv. Einerseits ist Bürgerbeteiligung heutzutage gewünscht, andererseits soll sie sich nicht von einer so genannten „Gemeinwohl-Konvention" abkehren. Die Analyse zeigt das Absurde dieser Position.

Eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Emnid aus dem Jahr 2012 kommt zu dem Ergebnis, dass sich zu „Infrastrukturprojekten wie neuen Straßen, Kraftwerken oder Stromtrassen (...) 89 Prozent der Bürger mehr Mitsprachemöglichkeiten“ wünschen und jeder zweite Befragte bereit sei, "Möglichkeiten zur Bürgerbeteiligung während des Planungsprozesses aktiv zu nutzen und sich in seiner Freizeit zu engagieren. Insbesondere gilt das für die eigene Region, zu deren Großvorhaben sich 90 Prozent der Bürger mehr Informationen wünschen (...).“ (Quelle: Bertelsmann-Stiftung). - Es wäre weder dienlich noch schicklich, diese zu bürgerschaftlichem Engagement bereitwilligen Einwohner in Gemeinwohl-Konformisten und
-Nonkonformisten zu unterteilen; genau das geschieht jedoch durch die Spaltaxt, die Kritikern kein ethisch positiveres Ansinnen zugestehen möchte als egoistisches Sankt-Florian-Denken.

Was „Gemeinwohl“ überhaupt bedeutet, muss ohnehin von Fall zu Fall erst einmal partizipatorisch hinterfragt und im fairen bürgerschaftlichen Austausch ausgehandelt werden. Jedenfalls dann, wenn man es ernst meint mit dem schönen Wort „Bürgerbeteiligung“. Meist gibt es nicht das Gemeinwohl, sondern einige unterschiedliche Interessen, für die man im besten Fall einen Konsens finden kann. In heutiger Zeit sollte das Wohl eines Gemeinwesens als interaktive und kooperative Bestimmungsleistung von Bürgern und Entscheidungsträgern verstanden werden, die sich souverän und professionell begleitet um einen fairen Interessenausgleich bemühen.

Wenn es um politische Partizipation geht, klafft natürlich immer eine Kluft zwischen Vision und Wirklichkeit. Die Moderation und Lösung von bürgerschaftlichen Zielkonflikten ist stets aufwändig und kann sicherlich auch nicht in jedem Fall erfolgreich sein. Dennoch ist der Weg das Ziel; man sollte es versuchen. Wer den Pfad der Bürgerbeteiligung entschlossen und aufrichtig gehen will, muss sich vom Schlagwort „Sankt-Florian-Prinzip“ als subtil angewandte oder unüberlegte Killerformel verabschieden und darf die Bürgerschaft nicht in zwei Lager spalten.

Im Übrigen kann man sich nicht allein im kommunalen und regionalen Kontext mit der Gemeinwohl-Frage auseinandersetzen, sondern muss dies konsequenterweise auch vor dem Hintergrund der weltweiten Vernetzung leisten. Die internationale Sankt-Florian-Politik ist nach wie vor ein vielfach unterschätztes und alltäglich verdrängtes Problem, denn die Tatsache, dass die reichen Staaten ihre wirtschaftliche Entwicklung auf Kosten armer Länder sichern (Beispiel: Ernährung) und manches nationale Problem ins Ausland "exportieren" (Beispiel: Uranhexafluorid in Russland endgelagert), zeigt, dass Gemeinwohl hierzuland gerne eurozentrisch ausgelegt wird und nicht etwa im Sinne einer Weltgemeinschaft.

Genau so wird das vermeintliche Wohl des Gemeinwesens auch im regionalen und kommunalen Kontext allzuoft voreilig auf eine Weise interpretiert, die einem Teil der Bevölkerung ethischen Auftrieb für die eigenen Interessen oder für einen unkomplizierten Verlauf von Umsetzungsmaßnahmen geben soll, indem das Anliegen eines anderen, meist kleineren Teils der betroffenen Bürgerschaft entwertet wird. Global denken, lokal handeln: Schon der Dreck, den wir in globalen Verteilungsfragen alle am Ärmel haben, ermahnt uns zu mehr Fingerspitzengefühl - auch in heimischen Gemeinwohlfragen.

26. November 2012

Ferinandsdorf - Amerika

Anfang und Ende der Odenwalddörfer
Ferdiandsdorf und Rineck
und ein Blick auf die deutsche und badische
Auswandung im 18. u. 19. Jahrhundert

am 28.11.2012
um 19:30 - 21:00 Uhr
in der vhs Eberbach, großes Saal

Die Mauerreste der Wüstung Unterferdinandsdorf im südlichen Odenwald können einiges berichten. Über viele Jahrzehnte konnte sich der 1712 gegründete Doppelweiler leidlich gut entwickeln, im frühen 19. Jahrhundert aber führten Bevölkerungswachstum, Holzmangel und Missernten zu immer elenderen Verhältnissen, die schließlich zur Ortsauflösung um 1850 führten. Viele Ferdinandsdorfer wanderten nach Amerika aus und teilten ihr Schicksal mit verarmten Bewohnern der Ortswüstung Rineck und weiterer Odenwalddörfer.

Doch nicht nur aus dem Odenwald; aus deutschen Landen wanderten allein im 19. Jahrhundert über 4 Millionen Menschen aus, nicht wenige davon aus der alten Kurpfalz. Von Odenwälder Ortswüstungen und von der Amerika-Auswandung erzählt dieser Abendvortrag in Wort und Bild.

vhs-Haus Eberbach, Großer Saal
Bussemerstr. 2a
Eintritt: 6 Euro
Keine Anmeldung erforderlich

vhs-Info:
https://www.vhs-eb-ng.de/index.php?id=23&kathaupt=11&knr=X11004-EB


Edit 30.11.2012: Bei dem Bild bzw. der Bildbeschriftung ist mir doch tatsächlich ein Fehler unterlaufen; es handelt sich nicht um Grundmauern aus dem Unterferdniandsdorf, sondern um Mauersteine aus einem ebenfalls im südlichen Odenwald gelegenen verlassenen Dorf. -
Wer kennt den Namen???

Edit 30.11.2012: Mit 56 Zuhörern war der Große Saal im Eberbacher vhs-Haus gut befüllt - und ich hoffe, es waren nach 90 Minuten Vortrag 56 zufriedene Besucher! Bis zum nächsten Mal ...

18. November 2012

Mit digitalen Karten gegen Flächenverbrauch

An den ländlichen Regionen nagt der Flächendruck. Obgleich die meisten Gebiete außerhalb der Städte und Stadtregionen mit demografisch wie infrastrukturell bedingter Abwanderung und Landflucht zu kämpfen haben, gehen auch in unserern MIttelgebirgen Tag für Tag Flächenanteile "verloren". Einerseits besteht Landschaftsbedarf für naturnahe Rückzugsgebiete, die Gegenwelten zur urbanen Verdichtung schaffen und neben ihrer herausragenden Bedeutung für den Naturhaushalt zudem für den Erlebniswert und die Tourismuswirtschaft eine maßgebliche Rolle spielen. Andererseits konkurriert der Flächenbedarf für die Natur und für das "Schutzgut Mensch" mit verschiedenen Prozessen der Zersiedelung. Immer noch entstehen Neubaugebiete auf der "grünen Wiese" statt dieses fragwürdige Wachstum durch effektive Innenentwicklung in den Siedlungskernen zu beschränken.

Auch Gewerbegebiete, Verkehrsachsen usw. verbrauchen, versiegeln und zerschneiden die Flächen der ländlichen Regionen. Schließlich benötigen die Forst- und Agrarwirtschaft ihren Anteil, wobei intensive Nutzflächen wiederum mit dem Artenschutz und der Artenvielfalt sowie mit den selten gewordenen historisch gewachsenen Kulturlandschaften konkurrieren. Aktuell verstärkt zudem die raumwirksame Positionierung erneuerbarer Energien wie Biomasse - mit entsprechendem Landbau - oder Windkraft diesen Prozess.

Umweltbundesamt zu Flächenverbrauch und Versiegelung: http://www.umweltbundesamt.de/boden-und-altlasten/boden/gefaehrdungen/flaeche.htm

Oft unterschätzt: Auch scheinbar nur punktuell bedeutsame, allerdings weithin sichtbare Einzelbauwerke wie Sendemasten, Windkraftanlagen, Strommasten usw. stellen raumwirksame Eingriffe dar, die das Landschaftsbild und den Erlebniswert naturnaher Ausgleichsräume signifikant beeinflussen können, zumindest ab einer bestimmten Häufung sowie bei Standorten an besonders sensiblen Lokalitäten oder Routen. Rückkopplungen auf tourismuswirtschaftliche Kriterien können nicht ausbleiben, folgt man den gängigen Naturbewusstsein-Studien, den Erkenntnissen aus der Wanderforschung oder den empirischen Gästebefragungen in ländlichen Tourismusdestinationen: Technische Bauwerke werden gerade in ruralen Rückzugsorten, wie sie die deutschen Mittelgebirge noch bieten, eher als störend wahrgenommen; die Gäste suchen neben Stille und Erholung überwiegend die Lebensqualität naturnaher Kulturlandschaften.

Technische Einzelbauwerke wie Sendemasten u.ä. sind daher ebenfalls als Aspekte des Flächenverbrauchs zu sehen. Dabei ist zu beachten, dass Flächenverbrauch in ländlichen Regionen immer in einem Spannungsfeld steht: zwischen einem infrastrukturellen oder auch energietechnischen Expansionsbedarf und einem durch Naturhaushalt und Tourismuswirtschaft vorgegebenen Miminierungsanspruch. Optimierung und Effizienz bei der Standortauswahl spielen daher eine entscheidende Rolle. Als Mindestanforderung müssen empirisch belegbare Faktoren wie Erlebniswert und Landschaftästhetik in entsprechende Planungsprozesse einbezogen werden.

Ein Beispiel für eine derartige, GIS-gestützte und mit regionalem Sachverstand durchgeführte Optimierung zeigt eine neu erschienene Studie: Aktuell ist ein Tagungsband der Anwenderkonferenz FOSSGIS, der Plattform für Freie und Open Source Software für Geoinformationssysteme, erschienen. Einer der darin veröffentlichten Artikel, publiziert von den Geographen Dr. Peter Löwe und Michael Hahl M.A., beschäftigt sich mit einer verbesserten Standortauswahl für Sendemasten am Fallbeispiel der Gemeinde Waldbrunn im Hohen Odenwald (vgl. Foto: Sendemast-Realisierung unterhalb des Katzenbuckels statt auf dessen Gipfel).

Zur Optimierung der notwendigen Gebietsabdeckung durch den digitalen Behördenfunk im FFH-Gebiet „Odenwald Eberbach“ und "Landschaftsschutzgebiet Winterhauch-Katzenbuckel" wurden von Dr. P. Löwe in Kooperation mit ortskundigen Landschaftskennern Analysen für mehrere Alternativstandorte durchgeführt. Die Ergebnisse wurden in Form von thematischen Karten für Google Earth veröffentlicht, auf deren Basis die Standortentscheidung transparent und bürgernah erfolgte. Dabei konnten, auch durch das Verständnis der kommunalpolitischen Handlungs- und Entscheidungsträger sowie das Engagement der örtlichen NABU-Gruppe, der Landschaftsverbrauch minimiert, sensible Lebensräume geschützt und Nutzungskonflikte begrenzt werden.

Den Artikel aus dem Tagungsband finden Sie hier im pdf-Format: http://www.proreg.de/index.php/news-reader-blog-proreg/items/GIS_Sendemast.html

In diesem Zusammenhang ebenfalls bedeutsam: Laut einer Pressemeldung der Bertelsmannstiftung vom 04.09.2012 wünschen sich zu „Infrastrukturprojekten wie neuen Straßen, Kraftwerken oder Stromtrassen (...) 89 Prozent der Bürger mehr Mitsprachemöglichkeiten“, wie aus einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Emnid hervorgehe. „Jeder zweite Befragte ist demnach bereit, Möglichkeiten zur Bürgerbeteiligung während des Planungsprozesses aktiv zu nutzen und sich in seiner Freizeit zu engagieren. Dies gilt insbesondere für die eigene Region, zu deren Großvorhaben sich 90 Prozent der Bürger mehr Informationen wünschen (...).“
Quelle: http://www.bertelsmann-stiftung.de/cps/rde/xchg/SID-4476F055-E20679E0/bst/hs.xsl/nachrichten_113381.htm (abgerufen am 02.11.2012) ..."

In diesem Zusammenhang sei ebenfalls empfohlen: Hahl, M. u. Löwe, P. 2012, Nachhaltige Entwicklung einer "Windkraft-Landschaft" im Neckar-Odenwald-Kreis. GIS-gestütztes Management gesellschaftlich verträglicher Windenergie-Zentren. vgl.: http://www.proreg.de/index.php/news-reader-blog-proreg/items/GIS_Sendemast.html