17. August 2007

„Der Neckar gehört ins Ländle“

Flussgeschichte und Geologie zwischen Mannheim und Schwenninger Moos

Der Neckarursprung im Spiegel der Flussgeschichte
Die Reise in die Flussgeschichte des Neckars beginnt. Und wo anders sollte die Spur aufgenommen werden, wenn nicht an seiner Quelle im Naturschutzgebiet Schwenninger Moos. Zwischen Wäldern, Kalk-Magerrasen und Mooren liegt der idyllische Moosweiher, der aus dem Torf gestochen und zum Neckarursprung erklärt wurde. Hier erblickt der 367 Kilometer lange Fluss mit seinem etwa 14000 Quadratkilometer großen Einzugsgebiet das Licht der Welt. Von hier aus wird er die Keuper- und Muschelkalk-Gesteine des süddeutschen Schichtstufenlandes durchströmen, tief in die Odenwälder Buntsandstein-Schichten einschneiden und schließlich durch die Oberrheinische Tiefebene seinem Vorfluter Rhein entgegenfließen. Das Schwenninger Moos ist nicht nur Quellgebiet des Neckars, hier verläuft auch die europäische Wasserscheide, die das Rhenanische vom Danubischen Flusssystem trennt: Rhein und Donau führen seit Jahrmillionen einen Kampf um diese Wasserscheide, und die Flussgeschichte des Neckars spielt dabei eine maßgebliche Rolle.

Auch politische Grenzen verliefen am Schwenninger Moos, etwa die zwischen dem Großherzogtum Baden und dem Königreich Württemberg. Der 1901 in Rottenburg geborene Mundart-Poet Josef Eberle alias Sebastian Blau widmet dem Neckar ein wortgewaltiges Gedicht. „Iatz gucket ao des Wässerle, / wias aus em Bode´ spritzt“, so beschreibt er die Neckarquelle, und wohl mit einem schelmisch zugekniffenen Auge meint er, der Fluss sei „e´ guater ond regelreachter Schwob“ und er „ghaöt ens Ländle“! Neckarabwärts wird’s dramatisch: „Soweit wär älles reacht ond schö´. / Was aber tuat dear Stromer? / r lauft schnurstracks ens Badisch nei´ / ond selt – vor lauter Jomer – / versäuft r se em Rhei´!“ Der schwäbische Schicksalsstrom ertränkt sich jämmerlich im badischen Rhein. Was Sebastian Blau vielleicht nicht ahnte: Flussgeschichtlich betrachtet setzten die Geschicke der Herzader Schwabens ohnehin in Nordbaden ein; im Raum Heidelberg nahm ein kleiner Ur-Neckar, zunächst ein regelrechter Kurpfälzer, vor Jahrmillionen seinen Lauf auf. Durch rückschreitende Erosion nagte er sich allmählich ins württembergische Schwabenländle hinein. Somit sind wir beim eigentlichen Neckar-Ursprung angelangt: an der Startlinie der Flussgeschichte! (...)

Auszug aus: HAHL, M. (2007): "Der Neckar gehört ins Ländle". Flussgeschichte und Geologie zwischen Mannheim und Schwenninger Moos. In: Begleitpublikation zur Ausstellung "StadtLandNeckar - ein Fluss-ABC". Städtische Museen Esslingen. S.55-59. (erscheint im September) - Weitere Kapitel: Mit dem Oberrheingraben kommt alles in Bewegung / Der Neckar nagt sich durch / Mäander und Umlaufberge – die Spielwiese der Flussdynamik / Die Gegenwart, eine Momentaufnahme

14. August 2007

Durch das felsige Tal der Feuersalamander

Der geologische Margaretenschlucht-Pfad lädt zum Landschaftserlebnis ein

"Unsere Erde ist ein lebendiger Planet. Berge, Täler und Flüsse scheinen ihren festen Platz und ihre dauerhafte Form zu haben. In Wahrheit ist alles in Bewegung.“ Mit diesen Worten empfängt der neue Margaretenschlucht-Pfad in Neckargerach seine Besucher. Damit beginnt eine Wanderung von etwa drei Kilometern, eine Reise durch die Erdgeschichte, auf der man an elf Tafeln die landschaftlichen Geheimnisse rund um die Sandstein-Schlucht entdecken kann. Der Landstrich ist ohnehin sehenswert und abwechslungsreich, denn die Ausblicke über das Flusstal, die atmosphärische Stimmung in der Schlucht, die markanten Felswände und die charakteristische Vegetation sorgen für atemberaubende Augenblicke. Bereichert mit den anspruchsvoll gestalteten Tafeln des Naturparks Neckartal-Odenwald verschmilzt das pure Naturerlebnis mit spannendem Wissen, geschliffenen Worten und anschaulichen Illustrationen. Im Juni wurde er eröffnet, der Margaretenschlucht-Pfad, und seither lädt er Wandergruppen und Familien zur Erkundung ein.


Von der Buntsandstein-Zeit erzählen die ersten Tafeln, und von „Pangäa“, dem Riesenkontinent, in dem vor 250 Millionen Jahren noch die gesamte kontinentale Landmasse vereinigt war. Dort trugen nordwärts strömende Flüsse Sand aus südlichen Gebirgen heran, schoben die Ablagerungen über eine wüstenhafte Ebene und stapelten sie nach und nach Hunderte von Metern übereinander. Seither hat sich die Landschaft vollends gewandelt. Aus den Flussablagerungen Pangäas ist längst das rötliche Gestein unseres Buntsandstein-Odenwaldes geworden, wie die Tafeln erläutern. Nun öffnen sich weitere Kapitel der örtlichen Erdgeschichte, die Geburtsstunde des Neckartals steht jetzt im Fokus der Betrachtung: Als kleines Flüsschen begann der wilde Neckar vor gut und gern 30 Millionen Jahren, allmählich konnte er seinen Lauf verlängern und sich tief in die Sandsteinschichten einsägen. Heute ist er gezähmt, eine stauregulierte Schifffahrtsstraße. Die Pulttafel mit Blick auf die Guttenbacher Staustufe demonstriert, wie hier große Binnenschiffe geschleust werden.

Dann geht es in die Schlucht, dem Kern des geologischen Themenweges. Unmittelbar verändert sich die Atmosphäre der Landschaft – und die Stimmung des Wanderers gleich mit. Eine wilde Nische mit schroffen Felsen trifft man hier an, die auch heute noch, in unserer erdgeschichtlichen Gegenwart, von den Wasserfällen des kleines Flursbaches abgetragen werden. Das stille Naturschutzgebiet scheint den Farnen und Feuersalamandern zu gehören. Wo der wirtschaftende Mensch an die Grenzen seiner Möglichkeiten stößt, da beginnt der Raum für die Wildnis. Die Geheimnisse der Schlucht werden mit knappen Worten und geschickten Pinselstrichen auf den Punkt gebracht, ohne den Schluchtwald zum Schilderwald zu machen. Am oberen Ausstieg setzt bald wieder eine ganz andere, weitflächige Landschaft ein: der Hohe Odenwald. Den Besucher erwarten Überraschungen, eine Tafel mit Guckloch zum Beispiel; wer durchschaut, entdeckt den Mittelberg, um den einst der Neckar eine längst trockengefallene Flussschleife bildete. Den kleinen Entdeckern dient ein Sandsteinblock als Stufe, um auch an dieser Station auf der richtigen Höhe zu sein und den Durchblick zu haben.

Eine runde Sache ist der Margaretenschlucht-Pfad, ein Wandererlebnis mit Sinn für Details. Idee und Konzept, die Texte und die Auswahl der Illustrationen stammen vom geotouristischen Planungsbüro „Michael Hahl – proreg“, die zeichnerische Ausführung sowie die Entwicklung eines eigenen Logos übernahm Grafikerin Gabriele Henn. In Zusammenarbeit mit dem Naturpark Neckartal-Odenwald und der Gemeinde Neckargerach sowie in konstruktiver Absprache mit dem Regierungspräsidium Karlsruhe und unter tatkräftiger Mitwirkung des örtlichen Bauhofs ist ein eindrucksvolles Ausflugsziel entstanden. Die Anreise lohnt sich, ob mit der S-Bahn an den Neckargeracher Bahnhof, oder mit dem Auto an einen der beiden Pkw-Parkplätze. Einen trockenen Tag sollte man sich für seinen mindestens zweistündigen Besuch allerdings wählen, denn die Schlucht hat alpinen Charakter und kann bei Regen rutschig und unbegehbar sein; gutes Schuhwerk ist immer Pflicht. Eines kann man beim Rundgang über den Margaretenschlucht-Pfad ebenfalls einplanen: die Ruhepause an der „Zeitstation Gegenwart“, der letzten Tafel am Gickelsfelsen, wo zwei neu errichtete „Waldsofas“ mit Ausblick übers Neckartal zum Entspannen einladen.

Weitere Informationen: Gemeinde Neckargerach, Telefon 06263/4201-0, Homepage: www.neckargerach.de oder Naturpark 06271 / 72985, Homepage: www.naturpark-neckartal-odenwald.de - Buchungen von Gruppenführungen und Anfragen zur Konzeption weiterer Themenwege direkt bei Michael Hahl - proreg möglich.

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